Jungenarbeit an der Martin-Luther-King-Schule
Was verstehen wir unter Jungenarbeit?
Jungenarbeit ist die geschlechtsbezogene Arbeit ausschließlich mit Jungen. Sie
nimmt die Jungen an mit all dem, was die Jungen darstellen, mitbringen und aufzeigen unter Berücksichtigung des immensen Drucks anerzogener, gesellschaftlicher und traditioneller
„männlicher“ Werte.
Warum Jungenarbeit
Weil „die kleinen und großen Helden“ in Not sind. Jungen
wachsen mit einem Idealbild Mann auf, das prinzipiell unerreichbar ist. Sie erleben ihr erfolgloses Streben nach einem unerreichbaren Idealbild als persönliches Versagen, sie ordnen sich
„stärkeren“ Männern unter und versuchen schwächere Jungen und Mädchen zu dominieren. Jungen brauchen begreifbare Vorbilder, Väter, Onkel, Kindergärtner, Lehrer...., die mit ihnen
gemeinsam hinter die Fassade idealisierter Männlichkeitsbilder schauen. Viele Jungen und Männer konkurrieren aus Prinzip. Immer wird verglichen, eine Rangfolge festgelegt, entschieden wer besser,
schneller usw. ist, aber dadurch auch wer schlechter, langsamer und schwächer ist. Jungen erhalten in der Regel zu wenig Förderung in ihren sozialen Fähigkeiten. Sie streben an cool zu sein, sie
panzern sich, werden hart und unangreifbar. Sie werden unflexibel und unsensibel. Jungen entwickeln zu wenig Gespür für Grenzen von sich und anderen Menschen. Jungen erwerben zu wenig
differenziertes Konfliktlösungsverhalten, sie streben machtvolle Konfliktlösungen an oder unterwerfen sich. Jungen brauchen Unterstützung in der Entwicklung ihrer sozialen Fähigkeiten, in ihrer
Sensibilität für sich und andere. Sie brauchen Anleitung eigene und fremde Grenzen wahrzunehmen und zu achten.
Männlichkeit bedeutet, keine Probleme zu haben
Verletzungen und Kränkungen werden verdrängt, Schwächen dürfen nicht sichtbar
werden, sie bedrohen das Selbstbild. Jungen werden von anderen nicht in ihrer Wirklichkeit erkannt, weil sie diese mit all ihren Facetten verbergen müssen. Jungen brauchen zunächst einen Schonraum,
indem sie geschützt neue Erfahrungen machen und alternatives Verhalten ausprobieren können.
Die meisten Jungen sind von der Angst gefangen, als weiblich zu gelten.
Weiblichkeit wird als Schwäche abgewertet, Homosexualität ist bedrohlich und schwul
ist ein Schimpfwort. Die gesellschaftliche Geringschätzung des Weiblichen steht im Gegensatz zum Erleben des Jungen, der seine Mutter, die Kindergärtnerin, die Lehrerin, als mächtig wissend und
fürsorglich sich selbst gegenüber empfindet. Jungen brauchen reflektierte Männer, die ihnen ihre Erfahrungen zur Verfügung stellen und sie zu verantwortlichem Handeln anleiten.
Welche Ziele streben wir mit der Jungenarbeit an?
- Die Erweiterung des Selbstbewusstseins, sich selber mit Stärken und Schwächen
kennen lernen. · eigene Bedürfnisse wahrnehmen · Wir trainieren, zu diesen Bedürfnissen, Stärken und Schwächen zu stehen, sie zu zeigen und umzusetzen unter Berücksichtigung und
Wertschätzung der Persönlichkeit und Interessen der anderen Menschen - Sensibilisierung für alltägliche Gewalt mit der eigenen passiven und aktiven Betroffenheit ·
Einübung von unterschiedlichen Möglichkeiten, auf veränderte Situationen und Konflikte zu reagieren · Jungen sollen befähigt werden, sich bewusst für eine Handlungsweise entscheiden zu
können und dafür die Verantwortung zu übernehmen In dieser Gruppe ausschließlich für Jungen werden wir ihnen als Männer begegnen und für eine offene Atmosphäre sorgen, in der die Jungen
vor Entwertungen geschützt sind. Unser persönliches Ziel der Jungenarbeit ist die Befähigung von Jungen zu selbstbewusstem und reflektiertem Handeln, welches das gleichberechtigte
Miteinander aller Menschen - Frauen und Männer - Minderheiten und Mehrheiten - Arme und Reiche - Christen und Andersgläubige - Starke und Schwache - wertschätzt und fördert.
Welche Methodik wenden wir an?
Die Arbeit mit Jungen ist keine Methodik sondern eine Haltung
Kann Jungenarbeit ver- oder angeordnet werden?
Die Teilnahme an einer Jungengruppe ist eine freiwillige Angelegenheit.
Wie sieht der zeitliche und organisatorische Rahmen aus?
Wir bieten während der Schulzeit regelmäßig 1 x im Monat eine Jungengruppe
an. Die Schüler können sich für einen Platz bewerben und anmelden. Die Gruppe kann aus maximal 8 Jungen bestehen und dauert 4 Unterrichtsstunden. Die Auswahl der Gruppenmitglieder geschieht durch
die beiden Leiter der Gruppe und wird u. a. durch folgende Kriterien erfolgen :
- Alter (hiernach orientieren sich die Inhalte) - Klassenzugehörigkeit (breite
Abdeckung über mehrere Klassen) - Homogenität in der Gruppe
Die Jungengruppe hat ihren Standort zur Zeit in den Räumlichkeiten der
Schulsozialarbeiter.
Wer leitet die Jungengruppe
Die Jungengruppe wird von 2 männlichen Kollegen geleitet. Beide Männer haben
sich im Laufe ihres beruflichen wie privaten Lebens mit der Rolle des Mannes in unserer Gesellschaft, sowie mit den kleinen und größeren Problemen von Jungen beim Heranreifen und
Erwachsenwerden auseinandergesetzt. Als Mitglieder des Jungenforums in Bergisch Gladbach arbeiten beide Kollegen aktiv an der Fort- und Weiterentwicklung von geschlechtsspezifischer Arbeit mit Jungen
im Rheinisch-Bergischen-Kreis mit. Sie bilden sich stetig fort und weiter in jungenspezifischer Arbeit.
Wie sieht die Jungenarbeit praktisch aus?
Wir schaffen in unserer Gruppenarbeit Räume in denen Beziehungen entstehen,
Freiräume in denen die Jungen neue Verhaltensweisen ausprobieren können und ein konstruktives Miteinander erleben. Jungengruppen bieten Schonräume in denen sie sich nicht ständig produzieren und
beweisen müssen. Jungengruppen sind Erlebnisräume, es können lustvolle Begegnungen und Raufereien stattfinden. Methodisch arbeiten wir mit Rollenspielen, Körperübungen, Gesprächen, Aktionen und
kreativen Medien. Wir gehen auf die einzelnen Jungen, auf die Gruppendynamik und auf deren Einbindung in ihre verschiedenen sozialen Bezüge ein. In den Kursen und Gruppenstunden erleben wir in
allen Altersstufen, selbst bei 15 - 16 jährigen Jungen ein großes Bedürfnis nach körperlichen Kontakten. Sie genießen es, sich in Rauf- und Tobesequenzen aber auch in Übungen bei denen es um
wohldosierte und überlegte Berührungen geht, auszuprobieren. Bei den Übungen zeigen sich unterschiedliche Temperamente der Jungen, es werden Ängste, Hemmungen und Grenzüberschreitungen deutlich
und thematisiert. Jungenarbeit ist immer auch Auseinandersetzung mit Grenzen, die eigenen Grenzen müssen wahrgenommen und die der anderen Menschen respektiert werden. Jungen werden mit
Grenzverletzungen konfrontiert. Gleichzeitig ist jedoch eine empathische Suche nach den vorausgegangenen Kränkungen und Ängsten notwendig. Die Jungen sollen sich der Gefühle und Stimmungen, die zu
der Grenzüberschreitung führten bewusst werden. Von den Jungen wurden in allen Gruppen existenzielle Verunsicherungen, Ängste, Bedrohungen und auch Schamgefühle aktualisiert und in die Gruppe
eingebracht. Oft erst einmal versteckt hinter imposanten Schilderungen wie sie solche Situationen gemeistert haben.
Inhalte und Themen der Jungengruppen sind:
· Kontakt und Begegnung von Jungen untereinander · Übungen zur
Eigen-, Körper- und Fremdwahrnehmung · Arbeit mit und an Grenzen · Umgang mit Kränkungen, Scham und Gewissen · Thematisierung von körperlicher Gewalt, Macht, Angst und
Bedrohung · Solidarität und Konfrontation - Auseinandersetzung mit Gruppenstrukturen (Gemeinschaft leben und üben) · Männliche Sexualität · Information über sexuelle
Bedrohung und Missbrauchsformen · Erarbeitung und Einübung von konkreten Handlungsweisen, sich angemessen zu wehren, Bedrohungen zu verhindern oder Hilfe zu holen
Wie wird Jungenarbeit an unserer Schule gesehen?
Sowohl die Schulleitung als auch das Kollegium unterstützt und fördert die
Arbeit mit den Jungen. Die geschlechtsspezifische Jungenarbeit ist Teil des Schulprogramms.
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